Neudorf bis zur Eingemeindung im Jahr 1866 Bis in das 18. Jahrhundert hinein erstreckte sich im Norden vor der Stadtfestung Altendresden (der späteren Neustadt) eine weite offene Fläche mit Feldern der Altendresdner Ackerbürger.

 

Die im Jahr 1546, in der Zeit des Aufbaus der Altendresdner Stadtfestung, gegründete Siedlung Neudorf bestand überwiegend aus sehr schmalen, dicht nebeneinander liegenden Höfen mit ebenso schmalen, aber langen Flurstücken. (An der Ostseite der Moritzburger Straße, in der Nähe der Schulbauten von 1805 an der Konkordienstraße, sind heute nur noch einige zu Anfang des 19. Jahrhunderts gebaute Neudorfer Gebäude zu finden.)

 

Die 65 ha große Flur Neudorf reichte im Norden bis an den heutigen Pestalozziplatz und im Osten an die Häuser des Hechtviertels heran. In den heutigen Kleingartenanlagen dieses Gebietes sind noch einige Wegestücke der alten Viehtreibe zu sehen.

 

Ab 1550 wurde die Siedlung Neudorf mit ihren nur etwa 40 Häuslern und Gärtnern zu Altendresden gerechnet ("Nawe Stadt" oder "Nawen Sorge" genannt) und den Einwohnern das Altendresdner Bürgerrecht zugebilligt. Die Nachkommen verloren das Bürgerrecht dann wieder - bis auf einige Vergünstigungen wie z.B. die Zollfreiheit auf der Elbebrücke - und durften keine städtischen Gewerbe betreiben. Neudorf bildete nun eine selbstständige Landgemeinde (im Jahr 1625 als "Newen Stadt Dorffe" erwähnt).

 

Die Mühlenordnung von 1661 gewährte der Neudorfer Schiffsmühle, die oberhalb der Erfurter Straße am Ausgang des späteren Neustädter Elbhafens stand, den Mahlzwang für Pieschen, Trachau und Mickten. Die Einwohner dieser Orte durften also nur in dieser Mühle mahlen lassen. Bei Hochwasser und Eisgang konnte das Mühlrad abgenommen, das Wellschiff an das Hausschiff herangezogen und die ganze Mühle in die Mühlweiche, einen kleinen Hafen, hineingezogen werden. (Im Jahr 1874 wird diese Mühle letztmalig erwähnt.)

 

In der Nähe der Schiffsmühle entstand ein großes Sägewerk, für das man das Holz in großen Flößen aus Böhmen und dem Elbsandsteingebirge heranführte. (Die Villa des Sägewerkbesitzers am Alexander-Puschkin-Platz, früher Erfurter Platz, blieb erhalten.)

 

Die Bezeichnung "Scheunenhofviertel" erinnert an die Scheunen der Altendresdner Ackerbürger, die sich nach dem großen Stadtbrand von 1685 in den Scheunenhöfen nördlich der Lößnitzstraße konzentrierten. Wegen der Brandgefahr waren diese Gebäude aus der Stadt verbannt und in der Nähe des alten Bischofsweges an der späteren Friedensstraße neu angelegt worden. (Von diesen Scheunen blieben einige Reste erhalten.)

 

Der Bischofsweg (heute Fritz-Reuter-Straße) ist eine alte Straße nach Meißen, die die von der bischöflichen Burg Stolpen kommenden Meißner Bischöfe benutzten, wenn sie das Dresdner Stadtgebiet umgehen wollten.

 

Die alte Radeburger Landstraße war eine wichtige Ausfallstraße Altendresdens. Von der Rähnitzgasse ausgehend führte sie entlang der Friedensstraße und der Bärnsdorfer Straße nach Norden. Weil sie beim Ausbau der Altendresdner Stadtfestung kein eigenes Tor erhielt, verlor sie jedoch allmählich an Bedeutung.

 

Die Vorstadt Neudorf wurde im Jahr 1866 mit 2.000 Einwohnern nach Dresden eingemeindet. Ab 1875 nannte man ihren östlichen Bereich Leipziger Vorstadt. Der westliche Teil zählte später zu Pieschen. Auch weil das Gebiet von Eisenbahntrassen zerschnitten wurde, ging der Name der alten Gemeinde Neudorf verloren, während in den Namen vieler anderer Stadtteile Dresdens die alten Orts- oder Flurnamen fortleben.

 

Entwicklung zum Industriebezirk

Im Jahr 1839 ging der Zugverkehr auf der ersten Eisenbahnfernverbindung Deutschlands zwischen Dresden und Leipzig in Betrieb. Um 1850 kam es entlang der durch die nordwestlichen Vorstadtgebiete Dresdens führenden Bahnstrecke zu Industrieansiedlungen und zum Bau von Arbeiterwohnhäusern. Das Ortsgesetz von 1878 erklärte die Leipziger Vorstadt schließlich zum Industriebezirk. Schon bald darauf breitete sich zwischen der Leipziger Straße und der Bahnstrecke ein geschlossenes Industriegebiet aus. Aber auch der ab 1873 betriebene Dresdner Schlachthof hatte hier seinen Standort, bevor er 1913 neue Gebäude im Ostra-Gehege bezog.

Im Industriebezirk wurde im Jahr 1854 die Steingutfabrik Villeroy & Boch gegründet (in der Zeit der DDR als Sanitärporzellanwerk fortgeführt), deren Ringkammerbrennöfen von 1860, wegen ihrer Form auch Bienenkorböfen genannt, heute als technische Denkmale geschützt sind.

Die 1866 am Eingang der Leipziger Straße gegründete Drogenappretur-Anstalt von Ludwig Gehe entwickelte sich zu einem bedeutenden pharmazeutischen Betrieb (in der Zeit der DDR als Arzneimittelwerk Dresden fortgeführt).

An der Großenhainer Straße entstand eine zweite Industriezeile. Die am Anfang der Straße gebaute Nähmaschinenfabrik von Clemens Müller war lange Zeit die bedeutendste Produktionsstätte ihrer Art in Deutschland (in der Zeit der DDR als Reglerwerk betrieben). Das ehemalige Dampfhammerwerk dahinter an der Liststraße wurde später aufgelassen, weil es den Anwohnern nicht mehr zuzumuten war.

An der Großenhainer und der Fritz-Reuter-Straße baute man große Wohnblöcke mit Eisenbahnerwohnungen. An der rechten Seite der Großenhainer Straße kamen später der Orgelbaubetrieb der Gebrüder Jehmlich ("Orgelbau Dresden") und ein pharmazeutisch-chemischer Betrieb hinzu.

 

Die Petrikirche (Neudorfer Kirche) am Großenhainer Platz wurde im Jahr 1888 errichtet.

Die wegen der Bahnanlagen, Eisenbahnwerkstätten und Industrieanlagen schwer zugängliche Gegend zwischen der Großenhainer Straße und der Görlitzer Eisenbahnstrecke blieb noch lange Zeit unbesiedelt. Am Bischofsweg (heute Fritz-Reuter-Straße) gab es Lagerbetriebe des Holzhandels und des Baugewerbes mit großem Flächenbedarf. Die Dresdner Gasversorgungsanstalt an der Lößnitzstraße war von 1865 bis 1926 in Betrieb. Nördlich des Bischofsweges wurde eine Sportanlage geschaffen, zu der nach dem Krieg ein Stadion und eine Radrennbahn hinzukamen, außerdem eine Kleingartenkolonie. Die durch dieses Gebiet führende Kurve der Leipziger Bahnstrecke entstand zusammen mit dem Neustädter Bahnhof (um 1900).

Der Neustädter Bahnhof (Bahnhof Dresden-Neustadt) löste im Jahr 1901 den Leipziger Bahnhof von 1839 und den Schlesischen Bahnhof von 1847 ab. Der Schlesische Bahnhof wurde abgebrochen. Die Anlagen des alten Leipziger Bahnhofes dienten nun als Güterbahnhof. Der Neustädter Hafen erhielt einen Gleisanschluss.

 

Hechtviertel (Oppellvorstadt)

In den Jahren 1836 und 1841 kaufte der Dresdner Polizeidirektor Hans Ludwig von Oppell ein etwa 23 ha großes Sandfeld zwischen der Buchenstraße und dem Alaunplatz. Dieses auch "Auf dem Hecht" genannte Gelände (hier gab es einen Weg nach Hechts Weinberg in Trachenberge bzw. zum Gasthaus "Zum Blauen Hecht") hatte bis 1833 als Artillerieübungsplatz gedient. Im Jahr 1842 erhielt Oppell die Baugenehmigung für Kleinhäuser in offener Bauweise. Die Abwasserschleusen kamen erst 1846 und das Straßenpflaster sowie die Steinfußwege gar erst 1876 hinzu.

Auf den unbebauten Flächen an der Königsbrücker Straße, der Oppellstraße (heute Rudolf-Leonhard-Straße) und der Hechtstraße wurden damals große Gärtnereien betrieben. Das ganze Viertel nannte man Oppellvorstadt, später Hechtviertel.

 

Im Jahr 1872 stiftete Großkaufmann Johann Meyer (nach ihm ist eine Straße in der Oppellvorstadt benannt) 100.000 Mark für den Bau von Arbeiterwohnhäusern. So entstanden hier nach 1875 auch hohe Mietshäuser in geschlossener Bauweise. Die Anzahl der Bewohner wuchs von 6.800 im Jahr 1875 auf etwa 13.200 im Jahr 1890. Um 1910 hatte das Arbeiterwohnviertel mit 672 Personen pro ha die höchste Wohndichte Dresdens aufzuweisen.

 

Die Oppellvorstadt erhielt im Jahr 1891 eine eigene Kirche, dieSt.-Pauli-Kirche (seit 1945 eine Ruine).

 

Ab 1881 verkehrte die "Gelbe Pferdebahn" mit Oberdeckwagen vom Postplatz bis zum Arsenal (Industriegelände). Durch sie erhielt auch die Oppellvorstadt eine Verkehrsanbindung an die Neustadt. Von 1901 bis 1945 fuhr die elektrische Straßenbahn auf der Hechtstraße bis zum St.-Pauli-Friedhof.

Die Bombenangriffe im Februar 1945 zerstörten auch Teile des Hechtviertels. Die hier errichteten modernen Wohnbauten stehen nun im Kontrast zu den älteren, eng gebauten Wohnhäusern des einstigen Arbeiterviertels. Auf einigen Trümmerhalden legte man Grünanlagen an.

 

Bezugsquelle: www.dresden-und-sachsen.de

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